Catcalls sind etwas, womit sich vor allem Frauen auseinandersetzen müssen. Die Bandbreite ist dabei groß und reicht vom “klassischen” Hinterherpfeifen, über eindeutig zweideutige Kommentare bis hin zu derben Beschimpfungen. Eines haben alle Vorfälle gemein: Es geht nicht um Komplimente oder einen harmlosen Flirt, sondern um sexuelle Belästigung und letztlich die Demonstration von Macht.  

Seit kurzem gibt es in München eine Initiative, die dieser Art der Belästigung den Kampf angesagt hat. Sofija (19), Julia (16) und Ege (21) betreiben hierzu gemeinsam den Instagram-Account Catcallsofmuc. Ich hatte die Gelegenheit, mit Ege zu sprechen. Er verrät uns hier, wie es dazu kam und was sich die drei für die Zukunft erhoffen.  

Ege, Julia und Sofija stehen hinter der Initiative Catcallsofmuc

Ege, du hast Abi gemacht und planst derzeit dein Studium. Wie kommt es, dass bei dir statt Backpacking in Australien doch Aufklärung in München auf dem Programm steht? 

Ege: Zusammen mit Sofija und Julia habe ich im Rahmen von YouthBridge an einem zweijährigen Leadership-Programm teilgenommen. Dabei hatten wir in New York die Gelegenheit, Sophie Sandberg kennenzulernen. Sie ist die Gründerin von catcallsofnyc und setzt hier seit vielen Jahren ein Zeichen gegen Belästigung.

Mir ist dabei erst bewusst geworden, wie alltäglich solche Belästigungen sind. Und wie wichtig deshalb ein Engagement in diesem Bereich ist.

Ich war daher gerne bereit, mit Sofija und Julia, deren Idee es war, Sophie Sandberg in New York zu treffen, ein solches Projekt auch in München umzusetzen. Daraus ist dann Catcallsofmuc entstanden.

Euren Instagram-Account Catcallsofmuc gibt es erst seit Mai dieses Jahres und ihr habt trotzdem bereits 2.800 Abonnenten. Wie viele “Beschwerden” kommen denn jede Woche bei euch an? 

Ege: Mittlerweile sind es sehr viele. Wir haben aktuell ungefähr 35 Posts veröffentlicht, gut doppelt so viele sind noch offen. Eigentlich haben wir uns bei der Pflege des Accounts immer abgewechselt, derzeit geht das nicht, sondern wir arbeiten parallel daran.  

Was passiert denn, wenn ihr eine Beschwerde bearbeitet? 

Ege: Wir dokumentieren die Belästigungen zunächst am Ort des Geschehens mit Kreide. Dafür gehen wir immer zu zweit los: So können wir gleichzeitig schreiben und Passanten aufklären.

Anschließend posten wir ein Bild davon bei Instagram.

So sieht es aus, wenn die Betreiber von Catcallsofmuc fertig sind

Gibt es ein typisches Täterprofil? 

Ege: Wir haben keine belastbaren Statistiken, aber nach unseren Erfahrungen sind tatsächlich eher Männer die Täter und Frauen die Opfer. Catcalls sind dabei ein Problem der breiten Masse. Das Verhalten ist nicht auf eine bestimmte Gesellschaftsschicht oder einen bestimmten Personenkreis beschränkt. 

Was erhofft ihr euch von eurer Initiative? 

Ege: Wir wollen Bewusstsein für sexuelle Belästigungen schaffen. Und dafür, dass gerade Frauen sich zur Wehr setzen können. Wir wollen unsere Generation aufklären und zu einem Umdenken in der Gesellschaft beitragen. Es geht auch um Empathie, sich also in die andere Person hineinzuversetzen, die man vielleicht selbst in eine unangenehme Lage bringt.

Und natürlich wollen wir den Opfern eine Stimme geben.

Was waren bislang deine positivsten Erlebnisse? 

Ege: Da fallen mir gleich mehrere Dinge ein.

Nachdem wir einmal einen Catcall aufgeschrieben hatten, hat sich das betroffene Mädchen bei uns bedankt und erklärt, dass sie das befreit habe, sie die Sache nun abschließen könne.

Dann gab es einen Fall, bei dem ein 13-Jähriger von einer Frau Anfang 20 belästigt wurde und wirklich eindeutige Angebote bekommen hat. Ein Mann, der unsere Nachricht gelesen hatte, machte sich anfangs darüber lustig, nach dem Motto: Ist doch super. Nach einem Gespräch mit uns hat er seine Ansicht geändert und das Problem verstanden.

Zuletzt habe ich auch im Freundeskreis für das Thema sensibilisieren können. Da fanden anfangs natürlich welche, dass das alles nicht so schlimm sei. Der eine oder andere Spruch sei doch eher ein Kompliment. Als ich es ihnen erklärt habe, haben sie aber eingesehen, dass selbst harmlos klingende Äußerungen verletzend sein können.

Tatsächlich scheint nicht immer ganz klar zu sein, wann es sich um Belästigung handelt. Wo siehst du denn die Grenze zwischen einem Kompliment, einem Flirt oder eben einem Catcall? 

Ege: Es geht dabei um das subjektive Empfinden der Opfer. Ein Kompliment soll ein angenehmes Gefühl erzeugen.

Wenn die angesprochene Person sich aber unwohl fühlt, ist es sicher kein Kompliment mehr. Dann kann die Äußerung noch so unschuldig klingen.

Was würdet ihr denn denen raten, die in eine solche Situation kommen?  

Ege: Das werden wir oft gefragt und sammeln hier selbst noch Erfahrungen. Wenn möglich sollte man andere Leute in der Nähe einbeziehen. Um Hilfe bitten und Zivilcourage einfordern.

Je nachdem wie aufdringlich jemand ist, sollte man laut und deutlich “Stopp” sagen oder um Hilfe rufen.

Eine schlagfertige Antwort ist natürlich auch eine Möglichkeit. Hier muss man aber aufpassen, wie aggressiv die andere Person vielleicht schon ist.

Über Catcallsofmuc

Hinter dem Projekt Catcallsofmuc stehen mit Sofija (19), Julia (16) und Ege (21) drei junge Menschen aus München. Mit Kreide und Instagram lassen sie die zu Wort kommen, die sich in einer unangenehmen Situation befunden und selbst vielleicht keine passende Antwort gefunden haben. Damit wollen sie ein Zeichen setzen, aufklären und dazu beitragen, dass sexuelle Belästigung auf der Straße spätestens in ihrer Generation nichts mehr Alltägliches sein wird.
Hier geht es übrigens zu dem Instagram-Account.